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Eine Bestandsaufnahme

Die Welt der Steine hat für die Menschen aller Zeiten stets eine große Bedeutung besessen. Eine grundlegende und archetypische Erfahrung ist für jedes Kind der harte Erdboden, der bei jedem Schritt trägt und stützt. Entsprechend verunsichernd und beängstigend ist das Erlebnis schon eines kleinen Erdbebens. Das Erd- Element, Stein, Fels und Berg repräsentieren in allen Kulturen das Dauerhafte, Beständige und das was Sicherheit bietet. Edelsteine sind das vollkommenste, was die Natur dem Menschen zu bieten hat. In ihnen verschmilzt Licht und Farbe zur Einheit, im Herzen der Materie geboren tragen sie den Glanz des Kosmos in sich. Eine historische Betrachtung zeigt, daß Edelsteine und der Umgang mit ihnen immer ein Anzeichen des kulturellen Niveaus war. Edelsteine stellten ein Luxusgut dar, da der praktische und militärische Nutzen recht gering war und der Abbau ohne geeignetes Werkzeug und ohne Bergbau bei vielen Mineralien kaum möglich ist (sieht man einmal von der großen Härte ab, welche die leicht abzubauenden Saphire zum idealen Ritz- und Gravurwerkzeug machen); in der Frühzeit dienten sie religiösen Zwecken und als Schmuck. Häufig beidem gleichzeitig und vermutlich nur den Ranghöchsten. Daran daß Edelsteine Prestigeobjekte und Statussymbole sind, hat sich bis heute freilich nichts geändert. Und daran, daß abergläubische Hintergedanken eine Rolle spielen ebensowenig. Doch heute sind sie für jedermann erhältlich, und die Erfahrung ihrer Kräfte ist nicht mehr nur allwissenden Priestern vorbehalten, sondern jedem nüchtern Beobachtenden zugänglich. Schließlich findet man den Amethyst, im Mittelalter einer der teuersten Steine, heute in der Grabbelkiste im Baumarkt.

Heute werden viele Mineralien auf unterschiedliche Weise industriell genutzt: In der Dämmtechnik, in der Lasertechnik, als elektrische Leiter und Speicher in der Elektronik und der Computer- und Kommunikationstechnologie. Die wenigsten Steine werden nur für die Schmuckindustrie abgebaut, meist sind sie ein Abfallprodukt der Rohstoffgewinnung. Daß Mineralien auch einen therapeutischen Nutzen haben, weiß nicht nur die Homöopathie, auch in der Allopathie finden zahlreiche Präparate mineralischer Herkunft Verwendung. Zwar erfreut sich die Edelstein-Heilkunde oder Lithotherapie einer steigenden Nachfrage, doch wird sie immer noch stark unterschätzt: Viele Therapeuten, der genauen Wirkung eines Minerals unsicher, kombinieren Edelsteine mit anderen, literarisch besser abgesicherten Heilverfahren wie Reiki, Bachblüten- und Aromatherapie. Vielfach wird, auch von renommierten Autoren, lediglich die Farbe als Erklärungsmodell für die Wirkung eines Steines herangezogen, - und sogleich ein Bezug zu den Chakren hergestellt. Dabei ist die Farbe ein äußerst untypisches Merkmal für einen Stein, welches zur Bestimmung eines Steines kaum herangezogen werden kann.

Es gibt Gründe, daß diese uralte Heilkunst so spät erst ihr Revival erlebt. Die Edelstein - Heilkunde ist in der westlichen Medizin die einzige systemische Heilkunst. Andersherum gesagt gibt es kein westliches schulmedizinisches Verfahren, dem ein ganzheitliches in sich geschlossenes System zugrunde liegt, wie der Traditionellen Chinesischen Medizin oder dem Ayur- Veda. Die Bedeutung der Steinheilkunde als alternative Heilkunst liegt darin, daß diese Wissenschaft auf geordnete und überschaubare Elemente begrenzt ist (siehe hierzu “Signaturen der Heilsteine” von Michael Gienger). Wenn man einmal das Prinzip begriffen und nachvollzogen hat, braucht man keine Daten mehr auswendig lernen, sondern kann bei entsprechender medizinischer Fachkenntnis sich die Wirkungen ableiten. Vor diesem Hintergrund werden empirische Daten, also gesammelte Erfahrungen von Heilwirkungen, wie sie z.B. im Forschungsprojekt Steinheilkunde zusammengetragen werden, verständlich.. Diese moderne Edelstein - Heilkunde ist nur denkbar im Zusammenhang mit der naturwissenschaftlichen Mineralogie und Gemmologie und vielfach von deren Erkenntnissen abhängig. Dabei zeigt die Geschichte, daß die Menschen immer auf die ihnen vertrauten Erklärungssysteme zurückgreifen.

Eine kleine Zeitreise

Zwei Beispiele aus dem Mittelalter. Konrad von Megenberg *1309, †1374, war Domherr in Regensburg und ein sehr gelehrter Mann. Sein “Buch von den natürlichen Dingen” war das erste deutschsprachige, populäre und methodische Buch über Naturkunde und steht in der Tradition Plinius und Dioskurides. Hierin bezieht sich Konrad auf die Lehre der Vier Elemente (Feuer, Luft, Erde und Wasser), wenn er die Entstehung der Steine beschreibt. Original-Ton Konrad:

“Ez ist ain frag, wie die edeln stain wahsen in der erden adern. Dar zuo antwürt man nach der maister geschrift von der natur und sprechent die maister also, daz die stain wahsen in der erden auz dem erdischen dunst und aus der fäuhten, diu in der erden adern und in iren clausen beslozzen ist, wan in den dünsten und in der fäuhten sint diu vier element gemischt: feur, luft, wazzer und erd nach mer und nach minner, und dar nach und diu mischung mangerlai ist, so werdent die stain auch mangerlai.” ... der stain hat die kraft von kelten oder von hitz und dar umb hat got den stainen die kreft geben an ain zwischenwürkent kraft von seiner almähtichait.”

fäuhten = Feuchtigkeit; clausen = Hohlräume; nach mer und nach minner = mehr oder weniger; mangerlai = vielfältig;; got = Gott

Konrads Interesse gilt in erster Linie den Erscheinungen der Welt, er argumentiert nicht mehr wie seine christlichen Vorgänger mit der Natur zum Zwecke theologischer Beweisführung. Etwas früher entstand ein anderes geniales Werk, weniger aus fleißigem Studium und Gelehrsamkeit, als aus Vision und Eingebung. Deutlich ist der mythologische Kontext, in den die Natur und ihre Erscheinungen gestellt wird. Hildegard von Bingen *1098 - †11xx, schreibt poetisch und symbolhaft im Lapis Lapidarum (enthalten in der Physica):

“Jeder Stein enthält Feuer und Feuchtigkeit. Der Teufel schreckt vor ihnen zurück, da er sich erinnert, daß ihre Zier an ihm selbst erstrahlte, bevor er aus Gottes Herrlichkeit herabstürzte, und weil einige aus dem Feuer entstehen, in dem er selbst bestraft wird. ... So entstehen Edelsteine aus Feuer und Wasser, und von daher tragen sie Hitze und Feuchtigkeit in sich sowie viele Kräfte und Wirkungen. ... so ließ er (Gott) weder das Strahlen noch die Kräfte der Edelsteine vergehen, denn er wollte, daß sie auf Erden geschätzt und gepriesen würden und als Heilmittel dienen.”

Unter dem Pseudonym Orpheus verfaßte ein Dichter aus Kleinasien, vermutlich im 4. Jhrt. unserer Zeitrechnung, die Lithika. In griechischer Sprache und in der Versform des Hexameters geschrieben drückt sie Angst vor der einsetzenden Verfolgung der alten heidnischen Kulte durch die Kirche aus. In folgenden Versen wird die Mutter Natur zur Schöpferin der Steine (wobei er Steine als Heilmittel ohne Nebenwirkungen aufgefaßt haben möchte):

“Schlangen gebar wohl die Erd, doch gebar sie dagegen auch Abwehr.

Erdentstammt ist alles Gesteines Art; und in demselben

Wohnt unendliche Kraft, mannigfaltige. Was nur die Wurzeln

Wirken, so viel auch die Steine; die Wirkung der Wurzel ist groß zwar,

Doch die des Steins viel größer; da nimmer verwüstliche Kräfte,

Niemals alternde dem, als er ward, einpflanzte die Mutter.

...

Wurzeln für Schlimmes und Gutes wirst traun bei den Pflanzen zu finden;

Doch nicht fändest du leicht bei Steinen auch irgendein Unheil.

Gleichviel gibt es der Steine jedoch, wie der Pflanzen an Menge.”

Die Lithika handelt zum einen von Heilwirkungen, insbesondere gegen Schlangen, Skorpione und Drachen, zum anderen um die Anrufung der Olymp- Götter und Opfergaben.

“Nimm in die Hand des Krystalls durchsichtigen Stein mit dem Lichtglanz,

Welcher ein Ausfluß ist glutflammenden himmlischen Strahles;

Sehr ja freut sein gefunkel Unsterblicher ewige Seele.

Wenn du mit ihm in den Händen hinauf zum Tempel gekommen,

Dann wird Keiner der Seligen fürwahr dein Flehen verachten.

Höre jedoch, daß du lernest die Kraft in dem blinkenden Steine!”

Auch hier sind die Steine Mittler, doch sind sie kein Geschenk Gottes an den Menschen, sondern eines der Natur, mit welchem man sich die Götter gewogen macht. Hier spürt man die Polarität zwischen den Planetengöttern und den irdischen Kräften der Natur.

Gehen wir in der Zeit gute 5000 Jahre zurück finden wir in den Veden eine steinheilkundliche Hochkultur. Das Jatak Parijat benennt die Steine der Götter:

“Der Rubin ist der Herr des Tages

Die glühende Perle ist der Edelstein des kühlen Mondes

Die rote Koralle ist der Edelstein des edlen Mars

Der Smaragd ist der Stein des edlen Merkur

Der gelbe Saphir ist der Edelstein des Jupiter, Lehrer der Götter

Der Diamant ist der Edelstein der Venus, der Lehrerin der Dämonen

Der blaue Saphir ist der Edelstein des Saturns

Der Hyazinth ist der Edelstein des Rahu

Und das Katzenauge der Edelstein des Ketu.”

Rahu = aufsteigender, Ketu = absteigender Mondknoten, also der Schnittpunkt zwischen Sonnen- und Mondbahn.

Hier geht es jedoch bei weitem um mehr als um eine einfache astrologische Zuordnung. Die Planeten repräsentieren die allerhöchsten Intelligenzen des geistigen Universums, keine psychologischen Archetypen wie sie seit der griechisch- römischen Kultur aufgefaßt werden. Der älteste indische Text, die Rig- Veda gibt Aufschluß über die Verwendung dieser edelsten der Edelsteine. Sie halfen feine Energien zu lenken, um die Natur zu unterstützen, verbanden den Planet Erde mit anderen Planeten des Sonnensystems und mit den Sternen. Vieles ist an Wissen verloren gegangen, doch existieren reiche Überlieferungen. Heute noch werden obige Steine im Ayur- Veda zur Heilung bei chronischen Krankheiten erfolgreich eingesetzt.

Ausblick und Widmung

Ich denke, es wurde deutlich, wie jede Kultur auf ihre Edelstein - Heilkunde eingewirkt hat. Sind wir wieder in der Lage, das nachzuvollziehen, was frühere Zivilisationen entwickelt hatten? Vielleicht schließt sich ein Kreis mit dem Ausspruch R. Steiners, “Edelsteine sind die Augen der Engel.”

Wo stehen wir heute, an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend mit den Steinen? Das Wissen ist durch Bücher und nicht zuletzt durch das Internet für jedermann zugänglich, die Steine gibt es im freien Handel, nicht auf Rezept in der Apotheke, weil sie ja keine Heilmittel sind. Noch ist das Gebiet nicht juristisch reglementiert, was aber spätestens mit dem EU- Recht zu erwarten ist. Jedermann kann sich mit etwas gesundem Menschenverstand und Beobachtungsgabe ein eigenes Urteil über die Wirkung eines Steines bilden, z.B. auch im Forschungsprojekt. Auch ohne Vorkenntnisse kann man einen Stein verstehen lernen: In der Signatur, seiner Erscheinung wird das Wesen des Steines offenbar, durch die Empfindung und die Intuition läßt er sich begreifen. Heute brauchen wir keine Priester mehr, die vorschreiben, was wir zu glauben haben. Vielmehr ist es das eigene Gewissen, welches uns erzieht, und das ist nicht durch Gesetze zu ersetzen. In diesem Sinne möchten wir Ihnen, lieber Leser, in einigen Artikeln, einige unterschiedliche Ansätze der Edelstein - Heilkunde näherbringen. Dies sind Grundrichtungen, die Ihnen einfaches Handwerkszeug mitgeben, mit dem sie frei und selbstverantwortlich ihre eigenen Erfahrungen machen können.